Sonntag, 17. Februar 2008

Galeriebesucher in Umm El-Fahm

28.1.2008

Ich schrieb diesen Tagebucheintrag vor über zwei Monaten, doch ist er auch heute keinen Deut weniger aktuell als eben im November 2007.

In den sechs Jahren, in denen ich mit der Kunstgalerie Umm El-Fahm und deren Gründer, Leiter und Freund Said Abu-Shakra verbunden bin, ist die Zahl meiner Besuche an diesem Ort ins Ungezählte gestiegen. Ebenso habe ich viele meiner Freunde and Bekannten, Ausländer und Israelis dorthin geschleppt um ihnen dieses erfolgreiche Projekt zu zeigen und von dessen Einmaligkeit (leider) zu überzeugen. Es besteht heute ein Freundeskreis in der Schweiz, der Said und seine Kollegen unterstützt und sich für ihn einsetzt und ich habe dafür gesorgt, dass die Galerie auch in Kanada unter zionistischen Juden und auch unter wohlwollenden Palästinensern bekannt worden ist.

Es ist immer wieder interessant, von Galeriebesuchern Reaktionen zum Erlebten zu hören oder zu lesen. Nicht alle sind mit dem Produzierten und Gezeigten einverstanden. Manch einem ist Provozierendes zum provozierend, zu einseitig, zu „pro-palästinensisch“ und verlangen „ausgewogene“ Darstellungen, manche fühlen sich sogar zur Zensur berufen, vergessen ihre liberal-demokratische Gesinnung und werden gelegentlich sogar böse. Und vergessen darüber, dass alle Ausstellungen ausschliesslich von jüdischen Kuratoren zusammengestellt werden, weil es bis heute noch keine arabischen Kuratoren gibt. Den Kuratoren wird zu ihrer Arbeit völlig freie Hand gegeben. Darüber wird vergessen, dass Said sich mit der Galerie und der damit verbundenen Sozialarbeit unter der arabischen Jugend und der reaktionären Gesellschaft Umm El-Fahms exponiert und viele seiner jüdischen Freuden deswegen Angst um ihn haben. Ich habe mich ein wenig unter Besuchern der letzten Zeit umgehört und möchte hier einige Ausschnitte aus Kommentaren und Reaktionen von Einzelpersonen und von Gruppen wiedergeben (zum Teil von mir aus dem Englischen oder Hebräischen ins Deutsche übersetzt):

Trudi Schlatter aus Schaffhausen, Mitglied des Zentralvorstandes der Gesellschaft Schweiz-Israel und des Freundeskreises, schrieb mir nach ihrem letzten Besuch einen ausführlichen Brief, aus dem ich zitiere:

…… Doch ohne Zusammenleben kann es in diesem Land einfach nicht gut gehen. Man muss sich ja nicht unbedingt lieben, aber akzeptieren und gegenseitig achten. So könnte man sicher ein friedliches Nebeneinander schaffen. Es ist sicher leider noch ein weiter Weg dazu und braucht vielleicht noch Generationen. Der Anfang aber besteht immer aus kleinen Schritten. Israel hat dies schon in vielen vorbildlichen Projekten verwirklicht und arbeitet laufend daran. Auf arabischer Seite fehlte dies leider sehr. Said hat als einer der Ersten seine Vision von Koexistenz mit seiner Kunstgalerie in Umm El Fahm verwirklicht. Was er trotz vieler Widerstände bis heute in dieser Stadt erreicht hat, ist bewundernswert. Seine Pflanze der Verständigung durch Kunst scheint zu gedeihen und wird hoffentlich nur gute Früchte bringen. Leider fehlen solche Ansätze von arabischer Seite weitgehend. Es wäre wünschenswert, wenn auch von daher mehr positive Zeichen gesetzt würden. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich die jüdische Bevölkerung vorwiegend skeptisch zu einer Koexistenz zeigt und der Glaube an ein Vertrauen fehlt (meine Meinung!).

Ein Beamter des Sicherheitsdienstes

(Namen dürfen nicht genannt werden), der mit einer Gruppe Sicherheitsoffiziere der Armee, Polizei und anderen Organisationen die Galerie besuchte (zum Teil sind es alte Kollegen von Said Abu-Shakra aus seiner Polizeikarriere), meinte: „Nachdem ich die Galerie und die daran verbundene Sozialarbeit sah und verstehe, welchen Einfluss Said Abu-Shakra auf die Gesellschaft seiner Stadt erworben hat, habe ich gemerkt, dass ich meine ziemlich negative Einstellung gegenüber israelischen Arabern überdenken muss.

Shlomo Goldberg,

aus dem Kibbuz Gal-On, weist ganz kurz auf die Anzeichen einer kulturellen Anpassung der arabischen Gesellschaft Israels hin, die eine Öffnung zur modernen Gesellschaft, wie sie beispielsweise im Fernen Osten besteht, darstellt:
Wir waren von den kleinen Mädchen in ihren kurzen Röckchen beeindruckt, die Ballett tanzten, während ihre Mütter auf sie warteten. Die Mütter waren traditionell arabisch bekleidet, inklusive Kopftuch.

Reinhard Meier, stellvertretender Auslandredaktor der NZZ, kommentierte:

Den Galeriegründer und Leiter Said Abu Shakra habe ich bei meinem letzten Israel-Besuch im März 2006 kennen gelernt. Roger Guth hatte mich eingeladen, nach einem Besuch der israelischen Siedlung Ariel im besetzten Westjordanland (deren Dimensionen und bauliche Massivität mich frappierte) nach Umm al-Fahm zu fahren, um dort seine Freunde und Bekannten Uri Russak (wie Roger Guth in der Schweiz aufgewachsen und später, schon im reiferen Alter, nach Israel ausgewandert) und Said Abu Shakra zu besuchen. Umm al-Fahm ist mit etwa 50 000 Einwohnern die grösste arabische Stadt in Israel.

Lebhaft erinnere ich mich an das Mittagessen mit Said Abu Shakra, Uri Russak und Roger Gut in einem arabischen Restaurant in Umm al-Fahm. Es gab neben andern Gerichten schmackhaftes Lammfleisch und diverse Salate, einen süssen Dessert, Mineralwasser und Tee – und natürlich keinen Alkohol. Die Stimmung war gut gelaunt und freundschaftlich. Von Berührungsängsten oder Misstrauen zwischen meinen beiden jüdisch-israelischen Begleitern und ihrem arabisch-israelischen Bekannten war nichts zu verspüren. Allerdings sprachen wir bei jener Begegnung auch nicht näher über politische Themen oder gar über den israelisch-palästinensischen Konflikt. Nicht dass wir das explizit vereinbart hätten, aber wahrscheinlich gingen alle drei von uns von der Annahme aus, dass es wenig Sinn machen würde, sich in dieser Tischrunde auf ein so schwieriges und belastetes Thema einzulassen, bevor wir näher miteinander vertraut waren.

Nach dem Essen besichtigten wir die Galerie, die Said Abu Shakra gegründet hat und auch von ihm geleitet wird. Sie befindet sich auf einem Hügel der Stadt. Es ist eine moderne Kunstgalerie, die man sich auch in einem Künstlerviertel einer westlichen Stadt vorstellen könnte. Ausgestellt waren Werke von zeitgenössischen jüdischen und arabischen Künstlern und Künstlerinnen. Es gab auch einen Video-Film zu sehen. Wenn ich mich recht erinnere, ging es da um flatternde Kleider in einem verlassenen oder heruntergekommenen palästinensischen Dorf.

Ich finde es ermutigend, dass Said Abu Shakra sich mit viel Engagement und offenkundig grosser Liebe für die Kunst darum bemüht, seine Galerie in Umm al-Fahm zu einem Anziehungspunkt auch für solche Israeli zu machen, die normalerweise nicht dazu motiviert sind, zu Besuch in eine arabische Stadt in ihrem Land zu reisen. Uri Russak und einigen seiner Freunde gebührt für die Förderung dieses innerisraelischen Brückenbauer-Projekts ebenfalls hohe Anerkennung.

Nili Sandler aus Rehovot sagte:

Die Galerie öffnet die Augen für neue moderne Aspekte arabischer Kultur. Gut, dass Juden den Mut aufbringen El-Fahm zu besuchen. Das baut Wut auf die Araber Israels ab und fördert statt dessen Verständnis. Es ist gut, dass Araber den Weg in die westliche zeitgenössische Kunst finden. Der Film mit den [Ent]Kleidungsvorschlägen für Westbankpalästinenser an israelische Strassensperren ist für viele eine Provokation. Aber dieser Film kann auch einen arabischen [fast schon jüdischen] Humor sich selbst gegenüber demonstrieren.

Nilis Ehemann Ya’akov Sandler (ehemaliger Bürgermeister Rehovots), den ich als strengen Kritiker der Araber Israels kenne: Der Beweis, dass ein Zusammenleben zwischen Juden und Arabern in Israel möglich ist, liegt völlig bei den Arabern. Sie müssen letztlich erkennen, dass in Israel, einem Staat westlicher Prägung, vom Bürger nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten wahrgenommen werden müssen. Der Einsatz von Said Abu-Shakra für sein Volk als israelische Bürger ist ein Lichtschein im Land und in einer Region, in der Konflikte heute über Religion statt über Objektives ausgetragen werden. Ich wünsche Said Glück, Anerkennung und viel Erfolg.

Roger Guth aus Basel und heute in Kfar Saba, Schweizer Zionist fast der ersten Stunde und auch heute noch aktiv, verbindet seine Beobachtungen in Umm El-Fahm richtigerweise mit der arabisch-jüdischen Szene in Israel:

….. Diese Kunstgalerie inmitten einer arabischen Stadt wurde zu einem Treffpunkt von orientalischer und westlicher Kultur, ist in der Lage neue Verbindungen und gar Freundschaften zu schaffen, die sonst kaum jemals entstanden wären.

Wie ich vernehmen durfte waren zahlreiche Kinder, Jugendliche, Kindergärtnerinnen und Jugendleiter in der Lage mit Hilfe dieser Institution ihren Horizont zu erweitern. Offensichtlich wurde ein Lernprozess in Umm El-Fahm in Gang gesetzt, der nicht nur die Freude an Darstellungen durch Malen und Keramikarbeiten und anderen Kunsttechniken fördert, sondern sogar die Lust an schauspielerischen Tätigkeiten unterstützt. Dann aber entstand dort eben auch die wertvolle Gelegenheit Menschen aus anderen Kulturkreisen kennen zu lernen

Ich freue mich über diese Aktivitäten deshalb ganz besonders, weil damit ein Musterbeispiel dafür entstand, das zeigt, dass immer mehr Menschen zu kleinen Schritten im Nahen Osten bereit sind, welche durch Schaffung vollendeter Tatsachen ein normales Zusammenleben näher bringen….. [nicht mit den „vollendeten Tatsachen“ in der Westbank zu verwechseln. Uri]

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